Wandern auf La Gomera ist eine physiologische und ästhetische Auseinandersetzung mit der Geografie. Das rund 650 Kilometer umspannende Wegenetz basiert zu großen Teilen auf den historischen Caminos Reales – alten Königs- und Versorgungspfaden, die über Jahrhunderte die einzige Verbindung zwischen den isolierten Tälern darstellten.
Wer hier wandert, durchmisst Mikroklimate im Stundentakt: Vom sonnenverbrannten Küstengestein geht es durch steile Terrassenkulturen hinauf in die feuchtkühle, moosverhangene Welt des tertiären Lorbeerwaldes.
1. Sanfte Einstiege & Panoramatouren
Alto de Garajonay (1.487 m) – Auf dem Dach der Insel
Der höchste Punkt La Gomeras fordert konditionell wenig, belohnt jedoch mit maximaler Übersicht. Der Weg führt durch spärlicher werdenden Baumbestand hinauf zu einer baumlosen Kuppe, die den Ureinwohnern einst als heiliger Kultplatz diente.
- Route: Rundweg ab Parkplatz El Contadero (z. B. Ruta 17).
- Profil: ca. 2–4 km | 1–2 Std. | leicht | geringe Höhendifferenz.
- Highlight: Bei klarem Wetter eröffnet sich ein 360°-Panorama über das gesamte Inseldach. Die Silhouette des Teide auf Teneriffa wirkt greifbar nah, während im Westen La Palma und El Hierro aus dem Wolkenmeer ragen.
Laguna Grande – Das Tor zum Lorbeerwald
Diese leichte Rundtour startet am zentralen Erholungsbereich Laguna Grande und führt flach in die verwunschene Vegetation des Nationalparks ein.
- Route: Rundweg (Ruta 3 / Pista 6) ab Laguna Grande.
- Profil: ca. 4–5 km | 1,5–2 Std. | 120–200 hm | leicht bis moderat.
- Highlight: Flechtenbehangene Baumheiden und knorrige Lorbeerbäume bilden ein dichtes Blätterdach. Informations-Tafeln vermitteln Wissenswertes zur botanischen Besonderheit dieses UNESCO-Weltnaturerbes.
Mirador de Tajaqué bis Morro de Agando – Das Monolith-Panorama
Eine kurze, hocheffiziente Kammstrecke für Fotofreunde, die das geologische Wahrzeichen der Insel aus nächster Nähe betrachten möchten.
- Route: Vom Parkplatz Mirador de Tajaqué zum Mirador del Morro de Agando und zurück.
- Profil: ca. 1,2 km | 30–45 Min. | leicht.
- Highlight: Unverstellter Blick auf die gewaltige Basaltnadel des Roque de Agando und die umliegenden Erosionslandschaften.
2. Die großen Halbtages- und Tages-Klassiker
Roque-Agando-Benchijigua-Runde – Im Schatten der Titanen
Eine der landschaftlich vielseitigsten Rundwanderungen der Kanaren. Sie führt tief hinein in das Tal von Benchijigua und passiert unberührte Naturräume sowie verlassene Siedlungsspuren.
- Route: Parkplatz Roque de Agando → Benchijigua → Azadoe-Ruinen → Mirador de Tajaqué → Ausgangspunkt.
- Profil: ca. 12 km | 5–6 Std. | ~750 hm | moderat bis anspruchsvoll.
- Highlight: Der ständige Perspektivwechsel: Mal blickt man senkrecht an den vulkanischen Felswänden empor, mal streift der Blick über verfallene Stein-Fincas hinab zum Meer.
Fortaleza de Chipude – Die Besteigung des heiligen Tafelbergs
Die Besteigung des 1.243 Meter hohen Tafelbergs vermittelt alpines Flair auf vulkanischem Fundament.
- Route: Kirchplatz Chipude → Fuß der Fortaleza → Aufstieg über die Felsrinne → Plateau-Runde.
- Profil: ca. 5–10 km (je nach Variante) | 2–4 Std. | ~200–400 hm | moderat (Schwindelfreiheit erforderlich).
- Highlight: Der Aufstieg verläuft durch eine schmale, natürliche Felsspalte. Das weitläufige Hochplateau bietet ein erhabenes Gefühl der Isolation mit Rundumblick über die Südwestküste.
Vallehermoso – Chorros de Epina – Arure – Die Nordwest-Kammwanderung
Eine ausgedehnte Gratwanderung, die das fruchtbare Tal von Vallehermoso mit den Hochlagen des Westens verbindet.
- Route: Vallehermoso → Quellen von Epina → Kammverlauf → Arure.
- Profil: ca. 15–17 km | 6–7,5 Std. | ~1.200–1.350 hm | anspruchsvoll.
- Highlight: Spektakuläre Perspeltivwechsel zwischen den tiefen Tälern des Nordens und der offenen See im Westen.
3. Urwald-Romantik & Klassische Abstiege
Las Creces & Raso de la Bruma – Im tiefen Nebelurwald
Diese Tour führt mitten hinein in den feuchtesten und dichtesten Abschnitt des Laurisilva.
- Route: Las Creces → Raso de la Bruma → Jardín de las Creces.
- Profil: ca. 8–12 km | 3–5 Std. | moderat (spürbarer Abstieg).
- Highlight: Hier ist der „horizontale Regen“ greifbar. Die Stämme sind lückenlos von Moosteppichen überzogen, Nebelschwaden hängen tief in den Baumkronen – Urzeit-Atmosphäre pur.
Von Arure nach La Calera (über La Mérica) – Der Königsweg ins Valle Gran Rey
Der wohl berühmteste Abstieg der Insel. Auf den Spuren des alten Eselspfads wandert man hoch über dem Abgrund der Sonnenseite entgegen.
- Route: Arure → Ermita del Santo → Hochebene La Mérica → Zickzack-Abstieg nach La Calera.
- Profil: ca. 6–8 km | 2,5–3,5 Std. | moderat (kontinuierlicher Abstieg, Kniebelastung).
- Highlight: Der Moment, in dem der Pfad an der Felskante entlangführt und das gesamte Valle Gran Rey mit seinen Palmenhainen und dem tiefblauen Ozean tief unten sichtbar wird.
4. Die Königsklassen: Fernwanderwege
GR 131 – Die Inselquerung (San Sebastián → Vallehermoso)
Dieser Weg ist das Rückgrat des gomerischen Wegenetzes und Teil des europäischen Fernwanderwegs E7. Er durchmisst die Insel von Südost nach Nordwest.
- Etappen: San Sebastián → Degollada de Peraza → Chipude → Vallehermoso.
- Profil: ca. 40–43 km | 2–3 Tagesetappen | ~2.500 hm gesamt | anspruchsvoll.
- Highlight: Das komplette ökologische Profil der Insel an wenigen Tagen: Trockene Küstenvegetation, felsige Grate, dichte Nebelwälder und terrassierte Kulturlandschaften.
GR 132 – Die große Inselumrundung
Der ultimative Trekking-Klassiker für autarke Wanderer. In acht Tagesetappen führt der Weg einmal rund um die Insel – meist auf halber Höhe durch sämtliche großen Barrancos.
- Etappen: 8 Tagesetappen ab/bis San Sebastián (gegen den Uhrzeigersinn).
- Profil: ca. 127 km | ~45–48 Std. Gehzeit | sehr anspruchsvoll.
- Highlight: Die totale Immersion. Man erlebt extreme Einsamkeit in verlassenen Schluchten, nächtigt in kleinen Dörfern und begreift die raue Geografie La Gomeras in ihrer Gesamtheit.
Kompakte Routenübersicht
| Wanderung | Distanz | Gehzeit | Anspruch | Landschaftlicher Charakter |
| Alto de Garajonay | 3 km | 1,5 h | Leicht | Panoramic, Gipfelplateau, Weitblick |
| Laguna Grande | 4,5 km | 2 h | Leicht | Mystischer Lorbeerwald, flach |
| Roque-Agando-Runde | 12 km | 5,5 h | Moderat | Vulkangestein, Schluchten, Ruinen |
| Fortaleza de Chipude | 7 km | 3 h | Schwer | Felsaufstieg, Tafelberg, Geschichte |
| Arure → La Calera | 7 km | 3 h | Moderat | Gratweg, Panorama, Zickzack-Abstieg |
| GR 131 (Querung) | 42 km | 3 Tage | Schwer | Kompletter Inselferschnitt |
Praktische Reise- & Sicherheits-Tipps
- Ausrüstung: Knöchelhohe Wanderschuhe mit griffiger Sohle sind wegen des rauen Basaltgesteins obligatorisch. Teleskopstöcke schongend die Gelenke bei den teils extrem steilen Abstiegen (bis zu 1.000 Höhenmeter am Stück).
- Klimakleidung: Das Zwiebelprinzip ist unerlässlich. Während an der Küste T-Shirt-Wetter herrscht, kann die Temperatur im Hochland bei Nebel und Wind auf unter 10 °C fallen. Eine wasser- und winddichte Jacke gehört immer in den Rucksack.
- Navigation & Orientierung: Bei plötzlichem Passatnebel sinkt die Sichtweite im Wald oft auf unter 10 Meter. Die Wege sind zwar gut markiert (Ruta-Nummern), das Mitführen eines GPS-Tracks auf dem Smartphone wird dennoch dringend empfohlen.
- Wasserversorgung: Verlasse dich nicht auf Bäche oder Brunnen im Freiland. Nimm stets ausreichend Trinkwasser (mindestens 2 Liter pro Person/Tag) mit, da sich Wasserstellen fast ausschließlich in den Ortschaften befinden.
Alle Routen sind hier von offizieller Seite beschrieben: https://lagomera.travel/senderismo-la-gomera/

Schreibe einen Kommentar