Gran Canaria – Insel der Schluchten, Insel der Tiefe
Eine Reise ins Innere
Gran Canaria – für viele ein Synonym für Sonne, Sand und das sanfte Rauschen des Atlantiks. Doch wer nur an den Küsten verweilt, hat das eigentliche Gesicht der Insel nie gesehen. Die wahre Dramaturgie dieser Landschaft spielt sich im Inneren ab, dort, wo sich die Berge öffnen, wo sich Wasser Wege durch das Lavagestein gegraben hat – in den Schluchten, den sogenannten Barrancos.
Sie durchziehen die Insel wie geologische Lebenslinien. Mal schroff, mal sanft, aber stets voller Charakter. Wer sich in einen dieser Barrancos wagt, begibt sich nicht einfach auf eine Wanderung – sondern auf eine Reise in die Tiefe. In die Geschichte der Insel, in ihre Vegetation, in ihre Stille.
Die Barrancos – Landschaften des Fließens
Es sind uralte Furchen im Vulkangestein, geformt von Regen und Jahrtausenden. Sie waren einst natürliche Verkehrsadern, die die Küste mit dem Hochland verbanden – für Bauern, Hirten und Händler. Heute sind sie stille Rückzugsorte für jene, die Natur ohne Inszenierung suchen. Zwischen Farnen und Felsen fließt Wasser, Licht bricht durch Baumkronen, und die Luft riecht nach Moos und Lavagrus.
Einige Barrancos sind trocken, steinig, bizarr. Andere leuchten vor Leben, grün wie Tropen, dicht wie ein Dschungel. Einer von ihnen trägt diesen Charakter besonders in sich – der Barranco de Azuaje.

Barranco de Azuaje – Das grüne Herz des Nordens
Heute zieht es uns genau dorthin: in den Barranco de Azuaje, einen der spektakulärsten und zugleich geheimnisvollsten Schluchten des Nordens. Wir parken an einer scharfen Kehre hinter einer kleinen Brücke, irgendwo unterhalb von Firgas. Der Einstieg ist leicht zu übersehen, fast versteckt, als wollte sich der Barranco zunächst nicht zeigen.
Doch kaum ein paar Schritte gegangen, ändert sich alles. Ein schmaler, feuchter Pfad führt in ein Tal, das sich mit jedem Schritt öffnet. Plötzlich ist da ein Bachlauf, glucksend, lebendig. Um uns herum: Farne, Lianen, feuchter Fels. Das Grün ist so dicht und satt, dass es wie gefiltertes Licht wirkt. Moos klebt an den Felsen wie Samt. In der Luft liegt dieser urige, erdige Geruch, der von alter Vegetation kündet – eine Ahnung vom ursprünglichen Wald der Insel.

Zwischen Vogelrufen und Wasserplätschern hören wir das entfernte Kreischen von Motorsägen. Bald treffen wir auf Waldarbeiter, die uns freundlich grüßen. Wir fragen nach dem Wasserfall. Ein Zeigen in die Höhe, ein schmaler Pfad, steil und schweißtreibend, führt dorthin – oder zumindest dorthin, wo wir ihn vermuten. Wir überqueren den Bach, ein Sprung auf glitschigem Stein, ein nasser Schuh – aber wir sind unterwegs. In den Serpentinen nach oben merken wir bald: wir sind falsch. Statt zum Wasserfall klettern wir unbeabsichtigt Richtung Firgas.
Doch aufgeben? Jetzt? Der Weg hat uns längst in seine Kurve gezogen. Also steigen wir weiter. Die Landschaft öffnet sich. Der Blick schweift über das Tal – ein grünes V, gesäumt von gelb blühenden Sträuchern und stummen Kakteen. Das Licht ist weich, das Tal weit. Es ist ein Irrweg mit Aussicht, und damit fast ein Geschenk.
Historie und Besonderheiten
Der Barranco de Azuaje liegt zwischen den Gemeinden Firgas und Moya. Er beginnt hoch oben in den Bergen bei Valleseco, an der Degollada de Las Palomas, und mündet schließlich bei San Andrés ins Meer. Auf seinem Weg ändert er mehrfach den Namen – Azuaje wird er erst auf seinem schönsten Abschnitt genannt.
Benannt ist er nach Francisco de Azuaje, einem Zuckerfabrikanten und Ratsherren der Kolonialzeit. Im 16. Jahrhundert war dieses Tal ein Zentrum der Zuckerproduktion – bis das Wasser das Zuckerrohr verdrängte. Heute zählt die Schlucht zum Naturpark Doramas und beherbergt einen der letzten Reste des einst weit verbreiteten Lorbeerwaldes.
Der Weg durch den Barranco ist etwa 8 bis 10 Kilometer lang, je nach Route. Technisch leicht bis mittelschwer, stellenweise schmal, gelegentlich rutschig. Trittsicherheit ist nötig, doch der Lohn sind schattige Pfade, kleine Brücken, Wasserfälle, Ruhe.

Drei Schluchten, drei Landschaften
Gran Canaria ist reich an Barrancos, und jede Schlucht erzählt ihre eigene Geschichte.
Barranco de los Cernícalos
Ein leuchtend grünes Tal mit ganzjährigem Wasserlauf. Zahlreiche kleine Wasserfälle, perfekt für Familien. Der Weg ist einfach, ca. 7 km hin und zurück – ein sanftes Abenteuer für alle Altersgruppen.
Barranco de la Virgen
Ein wasserreiches Tal mit alten Kastanienhainen, Terrassenfeldern und kultivierter Wildnis. Der Lorbeerwald flüstert hier noch, die Wanderung ist fordernder: 12 bis 14 Kilometer, 600 Höhenmeter, 5 bis 6 Stunden. Eine Route für Genießer mit Kondition.
Barranco del Agua
Ein Schlucht mit viel Charakter im Hochland von San Mateo. Wechselnde Vegetation, weite Ausblicke, urwüchsige Ruhe. Rundwanderungen verschiedener Länge machen diese Region zu einem Geheimtipp für Entdecker.
Praktische Hinweise für Wanderer
Schluchten verlangen Respekt – nicht nur wegen der Natur, sondern wegen ihrer Tiefe.
Gutes Schuhwerk ist Pflicht. Ebenso ausreichend Wasser, ein Mobiltelefon mit Offline-Karte, und eine Regenjacke, auch wenn der Himmel noch blau ist. Die beste Zeit ist der Frühling, wenn alles blüht – oder der Herbst, wenn das Wasser fließt, aber die Pfade trocken bleiben.
Nach starkem Regen sollte man lieber abwarten. Manche Barrancos verwandeln sich dann in reißende Gerinne. Und man wandert nicht allein: Es gibt Flechten, Libellen, Kröten, verwachsene Stille.
Barrancos
Wer die Barrancos von Gran Canaria erkundet, entdeckt nicht nur eine Landschaft – sondern ein Wesen. Die Insel zeigt sich in ihren Schluchten nicht laut, sondern leise. Nicht glatt, sondern kantig. Nicht aufdringlich, sondern berührend.
Der Barranco de Azuaje ist ein solcher Ort. Eine Schlucht, die nicht nur Raum gibt, sondern Tiefe. Eine, die man nicht nur durchwandert, sondern in der man – wenn man Glück hat – kurz verweilt. In sich selbst. Und in der stillen Geschichte der Insel.



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