Wer die bekannten Ikonen wie den Garajonay oder den Roque de Agando abgehakt hat, entdeckt auf La Gomera ein zweites, noch stilleres Gesicht. Die Insel ist reich an melancholischen Lost Places, mystischen Legendenorten und abgelegenen Tälern, die vom touristischen Hauptstrom weitgehend unberührt bleiben. Hier zeigt sich die Kanareninsel von ihrer sprödesten, aber auch authentischsten Seite.
1. Hermigua: Das grüne Herz der Agrikultur
Während das benachbarte Valle Gran Rey die Sonnenanbeter anzieht, breitet sich im Nordosten das langgezogene Tal von Hermigua aus. Die von steilen Hangwänden gerahmte Kulisse ist geprägt von akkurat angelegten Terrassenfeldern, auf denen Bananen, Mangos und Avocados gedeihen.
- Kulturelle Tiefe: Neben der Landwirtschaft bietet Hermigua zwei fundierte Kulturstopps: Das Museo Etnográfico de La Gomera vermittelt tiefe Einblicke in die traditionelle Lebensweise der Inselbewohner, während der Komplex Los Telares das historische Kunsthandwerk und die traditionelle Weberei bewahrt.
- Praxis-Tipp: Hermigua ist der perfekte Ausgangspunkt für Wanderungen in die feuchteren, tiefer gelegenen Abschnitte des Lorbeerwaldes.
2. Los Chorros de Epina: Das Orakel aus den Baumstämmen
Im Westen der Insel, tief im dicht bewachsenen Wald an der GM-1, verbirgt sich ein Ort voller lokaler Folklore: sieben kleine Holzquellen, deren Wasser aus ausgehöhlten Stammabschnitten fließt.
- Der Mythos: Der Volksglaube schreibt den Chorros orakelhafte und heilsame Kräfte zu. Je nachdem, aus welchen Quellen man von links nach rechts trinkt – so besagt die Legende –, entscheidet sich das persönliche Liebes- und Eheglück (Frauen trinken traditionell aus den geraden, Männer aus den ungeraden Nummern).
- Praxis-Tipp: Ein kurzer, etwa fünfminütiger Spaziergang führt vom nahegelegenen Parkplatz direkt zu den Quellen. Besonders nach ausgiebigen Regenperioden ist der Wasserfluss eindrucksvoll.
3. El Pescante (Hermigua): Die Melancholie alter Stahlträger
Am rauen Küstenstreifen bei Santa Catalina stehen die massiven Betonpfeiler von El Pescante. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dienten diese riesigen Krananlagen dem Verladen von Bananen und Passagieren auf Schiffe, da das stürmische Meer den Bau eines normalen Hafens verhinderte.
- Der Lost Place: Zwischen den verfallenden Pfeilern liegt ein verlassenes Meeresschwimmbecken, das bei Flut von antosenden Atlantikwellen geflutet wird. Das Ensemble aus morbider Industrie-Ruine und der ungezähmten Gewalt des Ozeans erzeugt eine außergewöhnliche, melancholische Kulisse.
- Praxis-Tipp: Der Zugang erfordert Trittsicherheit auf den felsigen Pfaden. Wegen der starken Brandung an der Nordküste sollte im Meeresbecken nur bei absolut ruhiger See gebadet werden.
4. Der verlassene Botanische Garten von Vallehermoso: Die Natur holt sich alles zurück
In der Umgebung des nordwestlichen Ortes Vallehermoso befindet sich ein weitgehend vergessenes Areal: ein einst angelegter botanischer Garten, der vor Jahren aufgegeben wurde und nun sich selbst überlassen bleibt.
- Der Reiz des Verfalls: Exotische Pflanzen und einheimische Flora überwuchern langsam die alten Steinpfade und Treppen. Es ist ein Ort für Ästheten, die den Charme des Vergänglichen schätzen – ein stilles Refugium weitab jeglicher Reisegruppen.
- Praxis-Tipp: Da die Anlage nicht mehr offiziell gewartet wird, geschieht das Betreten auf eigene Verantwortung. Feste Schuhe und ein achtsamer Umgang mit der Vegetation sind Ehrensache.
5. Playa de Alojera: Sonnenuntergang an der Palmsirup-Küste
Im äußersten Nordwesten, weit abgetrennt vom Rest der Insel, liegt das Dorf Alojera, das Zentrum der gomerischen Palmhonig-Herstellung (Miel de Palma). Unterhalb des Ortes erstreckt sich ein dunkler, ca. 200 Meter breiter Vulkanstrand, gerahmt von schroffen Felswänden.
- Der Geheimtipp: Während sich am Abend im Valle Gran Rey die Massen an der Promenade drängeln, genießt man an der Playa de Alojera die versinkende Sonne über dem Atlantik in fast vollständiger Einsamkeit. Ein kleines Naturschwimmbecken bietet Schutz vor den oft starken Wellen.
- Praxis-Tipp: Die Anfahrt führt über eine extrem windungsreiche Serpentinenstraße. Eine Kombination mit dem Kauf von frischem Palmhonig bei lokalen Erzeugern im Dorf lohnt sich.
6. Ermita de San Isidro & der Hexenkreis: Mystik im Hochland
Versteckt in den Wäldern des zentralen Hochlands liegt die kleine, schneeweiße Kapelle Ermita de San Isidro. Ganz in der Nähe befindet sich ein Ort, der in der gomerischen Folklore als Círculo de Las Brujas (Hexenkreis) bekannt ist – eine kreisförmige, vegetationslose Lichtung mitten im Lorbeerwald.
- Die Magie: Der Kontrast zwischen dem archaisch-paganen Mythos des Hexenkreises und der schlichten christlichen Kapelle spiegelt die synkretistische Kulturgeschichte der Insel wider. Hier weht stets ein kühler Wind durch die Flechten der Lorbeerbäume.
- Praxis-Tipp: Die Stelle lässt sich ideal als ruhiger Zwischenstopp in eine Rundwanderung um das Rastgebiet Laguna Grande integrieren.
7. Roque Cano & Stausee von Vallehermoso: Geologische Monolithe über weitem Wasser
Direkt über der Senke von Vallehermoso dominiert der Roque Cano – eine gewaltige, über 200 Meter hohe Felsnadel, die steil aus der Landschaft ragt. Zu seinen Füßen liegt der Stausee Presa de La Encantada, der das fruchtbare Tal mit Wasser versorgt.
- Das Panorama: Der Kontrast zwischen der dunklen, kargen Masse des Vulkangesteins und der spiegelnden Wasserfläche des Stausees ist eines der ungewöhnlichsten Fotomotive La Gomeras. Die Kulisse wirkt fast alpin, wäre da nicht die kanarische Vegetation.
- Praxis-Tipp: Ein gut ausgebauter Spazierweg führt um Teile des Sees herum. Ein idealer Stopp für eine ruhige Rast abseits der bekannten Wanderrouten.
8. Castillo del Mar: Morbider Maritim-Charme in der Brandung
An der wilden Nordküste bei Vallehermoso liegt ein weiterer faszinierender Lost Place: das Castillo del Mar. Ursprünglich als Bananen-Verladestation erbaut und später kurzzeitig als Kulturzentrum genutzt, steht die massive Festungsanlage heute verwaist in der Atlantikbrandung.
- Die Magie: Das Gebäude wirkt wie eine alte Piratenburg, an deren dicken Steinmauern sich die Gischt meterhoch bricht. Der Verfall verleiht dem Ort eine rohe, beinahe cinematografische Ästhetik.
- Praxis-Tipp: Die Anlage selbst ist aus Sicherheitsgründen geschlossen und nicht offiziell erschlossen. Der Blick von der Küstenstraße und den oberhalb gelegenen Wegen lohnt den Abstecher dennoch allemal.
9. Mirador de la Curva del Queso: Die Kurve mit dem Panoramablick
Auf der Serpentinenstrecke hinunter ins Valle Gran Rey zieht die Landschaft dramatisch an einem vorbei. Die sogenannte „Käse-Kurve“ (Curva del Queso) ist ein kleiner, unscheinbarer Aussichtspunkt, an dem die meisten Autofahrer achtzlos vorbeifahren.
- Der Ausblick: Wer hier anhält, wird mit einem spektakulären Tiefblick belohnt: Das Tal öffnet sich in seiner gesamten Tiefe, gerahmt von den gewaltigen Felswänden des Barrancos, während im Hintergrund der Ozean schimmert.
- Praxis-Tipp: Da die Parkmöglichkeiten in der Kurve sehr begrenzt und kaum beschildert sind, empfiehlt sich ein kurzer, umsichtiger Stop-and-Go-Fotostopp.
10. El Cedro: Das grüne Schluchten-Heiligtum
Am Nordrand des Garajonay-Nationalparks schmiegt sich das tief eingeschnittene Tal von El Cedro in die Bergwelt. Während viele Besucher den Nationalpark nur auf Durchreise an den Hauptaussichtspunkten erleben, offenbart sich hier die ruhige, feuchte Seele des Lorbeerwaldes.
- Das Erlebnis: Durch das Tal fließt ganzjährig ein kleiner Bach – eine absolute Seltenheit auf den Kanaren. Dichte Farnwälder, moosbewachsene Baumriesen und das stetige Plätschern des Wassers verleihen dem Tal eine beinahe verwunschene, meditative Atmosphäre.
- Praxis-Tipp: Im winzigen Weiler El Cedro lädt eine rustikale Bar zur Einkehr ein. Hier wird die traditionelle gomerische Kressesuppe (Potaje de Berros) oft in Holztellern serviert – die perfekte Stärkung nach einer Wanderung durch das schattige Tal.
La Gomera: Das zweite Gesicht der Insel
Wer sich auf die abgelegenen Täler, die verlassenen Verladestationen an der Nordküste und die stillen Orte im Hochland einlässt, entdeckt eine Insel der leisen Töne. Es ist diese Mischung aus maritimer Wildheit, geologischer Eigenwilligkeit und melancholischer Geschichte, die La Gomera auch beim zweiten oder dritten Besuch unerschöpflich macht.

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